Ich bin weggezogen, ich wohne jetzt in Butzbach. Das ist eigentlich immer noch viel zu nah. Ich will ja weg von meiner alten Szene hier. Nur weil ich das Geld von der Zeitung noch brauche, komme ich noch her.

Ei, Wohnen ist teuer. Was man sich alles so kaufen muss, wenn man wieder neu anfängt. Wenn es nur ein Teesieb ist oder sonst ein Scheiß. Der Euroladen ist mein bester Freund gerade. Ich war drei Jahre auf der Straße, jetzt bin ich froh, wenn ich daheim bin. Ich bin froh, dass die Tür zu ist. Schlafen auf einer Parkbank heißt, ein Auge offen halten. Man muss immer Angst haben, es ist immer laut. Im Winter ist es voll kalt, da bringt auch ein warmer Schlafsack nix, du musst ja die ganze Zeit die kalte Luft einatmen. Ich will gar nicht wissen, wie viele Lungenentzündung ich verschleppt hab.

Dafür habe ich meine Zeitungen verkauft, dass ich mich jetzt selber irgendwie über die Runden kriege. Es macht aber auch depressiv, immer die Leute anzusprechen, weil du was von denen willst. Auf der einen Seite ist es natürlich besser als Betteln oder sonst was. Aber auf der anderen Seite wertest du dich ja immer ein bisschen ab. Viele Leute verstehen es nicht. Für die verkaufe ich eine Obdachlosenzeitung, aber ich bin nicht mehr obdachlos. Es gab auch mal einen dummen Spruch: “Ich möchte Ihnen keine abkaufen, damit Sie heut Nacht eine mehr haben zum Zudecken.”

Für mich wäre es interessant, dass die Leute mal mitkriegen, wie es wirklich ist auf der Straße. Zum Beispiel, dass wir eine Zweiklassengesellschaft haben. Wie kann das sein, dass ich kein Deutschlandticket kaufen kann, weil ich kein Konto hab? Oder weil ich einen Schufa-Eintrag hab und daher keinen Vertrag eingehen kann? Und das Ticket ist doch gerade für Leute, die kein Geld haben. Oder über die Hilfsprogramme… meine ehemalige Freundin, die damals auch Konsumentin war, wollte eine Therapie machen. Wir haben vier, fünf Anläufe gebraucht, weil die Therapeuten nicht mehr mit uns arbeiten wollten und so was. So Sachen müsst ihr schreiben, das ist wichtig!

Dir hilft keiner, du kannst dir im Endeffekt nur selber helfen. Das muss man den Leuten so erzählen, denn wenn ich die Zeitung verkaufe, dann heißt es oft: “Wir sind ein Sozialstaat…”, “In Deutschland gibt es keine Obdachlosen” oder “Die Ämter haben die Wohnungen. Du musst nur hingehen, dann kriegst du schon eine”… Das glauben einige

\\

Dieser Text ist aus einer Unterhaltung zwischen dem Architekturkollektiv fem_arc und dem Verkäufer Michael. Für das Projekt Gossip, Commérage, Klatsch, Dedikoducu, Bârfă - Zuhören als urbane Strategie sammelt fem_arc Geschichten aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel. Vom 30.06. - 12.08. werden diese in einer Installation vor Ort im Synnika in der Niddastr. 57 zu sehen sein. Weitere Infos finden sich auf https://synnika.space

Read HERE the first interview with Michael Obdachlos sein ist teuer.


IMAGE CREDITS

Gossip project in Kreuzberg, Berlin. Photo: Duygu Atceken.

Copyright: Robert Schittko

The link has been copied!