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# Institution, Infrastruktur oder Kritik
- URL: https://arts-of-the-working-class.ghost.io/text/institution-infrastructure-or-critique/
- Published: 2026-04-27T00:00:00.000Z
- Updated: 2026-09-02T21:17:33.000Z
- Description: Eine Rekonstruktion ihrer Konfliktlinien
- Author: Helmut Draxler
- Tags: #silverstripe

Ich habe Marina persönlich erst gegen Ende ihres Lebens kennengelernt; wir verstanden uns sofort sehr gut. Und es ist ungemein traurig, dass wir den damals gerade erst begonnenen Austausch nicht mehr fortsetzen konnten. Ich kann deshalb hier auch nicht als Experte über ihre Arbeit sprechen, sondern nur darüber, wie produktiv ihr Ansatz für mich war und ist. Denn zweifellos stellt ihre Arbeit eine große Herausforderung für meine eigene dar. Insbesondere in meiner kuratorischen Arbeit war ich stets jener Bewegung verbunden, die als Institutionskritik (Institutional Critique, kurz IC) bekannt geworden ist. Auch wenn ich selbst diesen Begriff aus unterschiedlichen Gründen nur selten verwendet habe, traf und trifft Marinas Kritik am Begriff und an den damit verbundenen Praktiken der IC, vor denen sie ihren eigenen Begriff einer Infrastrukturellen Kritik abhob, immer noch entscheidende Aspekte meiner eigenen theoretischen und praktischen Positionierung. Das heißt, wir unterscheiden uns zweifellos hinsichtlich grundlegender theoretischer und praktischer Einsätze. Und doch gibt es etwas, das unsere Arbeiten miteinander verbindet: natürlich ein Interesse an einem übergreifenden linken Projekt, vielleicht aber auch ein methodisches, im Kern undogmatisches Moment, das mich bei aller Schärfe ihrer Argumentationsweise an ihr besonders fasziniert hat.

Marinas Kritik an der Institutionskritik (ich beziehe mich hier im Wesentlichen auf ihren Text von 2015) betrifft vor allem die Institution selbst als einen Ort „falscher Totalisierungen“, die sie in Analogie zu den falschen Totalisierungen des Kapitals sieht. Sie argumentiert hier auf ähnliche Weise wie Terry Eagleton, der bereits zu Beginn der 1990er-Jahre davor gewarnt hatte, den Kapitalismus als ein nahtloses, integratives System zu verstehen – nämlich genau so, wie er selbst, jede Kritik immer schon ins Leere laufen lassend, verstanden werden will. Dementsprechend, so Marina, sei auch die Kritik an den Institutionen selbst immer noch von solchen falschen Totalisierungen betroffen, vor allem wenn sie sich auf zirkuläre, symbolische Selbstreferenzialität beschränke. Demgegenüber sei infrastrukturelle Kritik wesentlich transitiv und stelle Verknüpfungen zwischen dem materiell Gegebenen und dem Möglichen, dem Bedingten und dem Unbedingten her, um von dort aus vor allem strukturelle Gewaltverhältnisse besser zu erfassen zu können und der traurigen Selbstanklage zwischen Komplizenschaft und Anpassung zu entkommen. Das war zweifellos insbesondere gegen Andrea Frasers grundlegenden Text „From the Critique of Institutions to the Institution of Critique“ von 2005 gerichtet, der diese Ambivalenzen herausgestrich, die weitgehende Identifikationen mit der Institution im Sinne eines „We are the institution“ betont und die Konsequenzen dieser Identifikation bis hin zur Melancholie, etwa bei Marcel Broodthaers, herausgearbeitet hat.

Man kann diesen Konflikt nun mit guten Gründen relativieren, wenn etwa Sabeth Buchmann sagt, dass Institutionskritik eigentlich zu guten Teilen bereits Infrastrukturkritik war. Das ist sicherlich richtig – durchaus bereits bei Broodthaers, Haacke oder Rosler, umso mehr bei Fareed Armaly, Fred Wilson oder auch Renée Green und zunehmend bei Andrea Fraser – oder wenn Eric Golo Stone sagt, dass institutionelle und infrastrukturelle Kritik gleichsam miteinander verschränkt werden können oder sollen. Marina scheint sich selbst in späteren Texten durchaus in diesem Sinne geäußert zu haben. Mir ist es dennoch wichtig, den kritischen Impuls ihrer Arbeit aufzunehmen und den Cut, von dem sie spricht, nicht vorschnell zu heilen. Denn um theoretische und politische Konflikte fruchtbar zu machen, halte ich es für die unabdingbare Voraussetzung, nicht nur die begrifflichen, theoretischen und letztlich auch die taktisch-politischen Unterschiede zu betonen, sondern darüber hinaus in unserer katastrophischen, krisengeschüttelten Welt gleichsam die letzte Frontlinie zu thematisieren: die Unfähigkeit der Linken selbst, diese Welt noch angemessen im Sinne radikaler emanzipatorischer Zielsetzungen zu erfassen.

Um was also geht es in diesem Konflikt? Um seine Schärfe, aber auch seine Potenziale erkennen zu können, müssen wir bei der grundlegenden Unterscheidung beginnen, dass hier eine Form von Kritik gegen die andere steht, dass wir es mit zwei unterschiedlichen Kritikformen zu tun haben. Die entscheidende Frage wird sein, wie sich diese beiden Kritikformen im Verhältnis zueinander verstehen lassen, wie strikt sie sich überhaupt voneinander unterscheiden und inwiefern ihre politische Reichweite gerade in dieser Abgrenzung voneinander wurzelt und damit auch die Überwindung der einen durch die andere als möglich erscheinen kann. Es könnte sich allerdings auch um zwei letztlich aufeinander bezogene Formen unter einem gemeinsamen Prinzip handeln, der Kritik am Kapitalismus etwa in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen, oder gar nur um zwei Varianten aus einer Fülle möglicher anderer Kritikformen. Geht es also um eine, zwei oder viele Formen von Kritik?

Um den Konflikt hier produktiv zu machen, müssen wir zweifellos von der ersten Variante im Sinne von zwei einander antagonistisch gegenüberstehenden Kritikformen ausgehen. Es gibt zwar seit langem Versuche, unterschiedliche Formen der Kritik, immanente und externe, literarische und politische, künstlerische und soziale Kritik voneinander zu unterscheiden. Jedoch stehen alle diese verschiedenen Formen nicht notwendigerweise in einem konflikthaften oder gar antagonistischen Verhältnis zueinander. John Roberts hat versucht, in Anlehnung an Hegels Unterscheidung von erster und zweiter Negation eine solche eher konflikthafte Dimension künstlerischer Negationen zu betonen. Der ersten Negation entspräche in seiner Sichtweise die autopoietische Kritik im Sinne von Niklas Luhmann als eine im Wesentlichen auf die Rekursivität der Kunst bezogen, auf ihre Reproduktion qua innerer Differenzierung und weitgehender Abschottung nach außen. Unter zweiter Negation versteht Roberts hingegen Hegels „absolute Negation“, d.h. „den Sprung in die Freiheit durch die Negation der Negation“. In dieser Negationsform sieht Roberts eine „Kraft der Befreiung“ am Werk, wie sie für ihn mit einer „revolutionären Kulturpraktik“ identifizierbar ist.

Auf die klassisch marxistische Terminologie bezogen, legt Roberts Unterscheidung nahe, Institutionskritik als eine Kritik innerhalb des Überbaus zu begreifen, während infrastrukturelle Kritik im Namen der Basis agiere. Damit beträfe sie die eigentliche Dimension gesellschaftlicher Veränderung und nicht bloß deren repräsentative Überformung. Auf der Ebene der Infrastruktur zu intervenieren, verspräche darüber hinaus, selbst in die Prozesse gesellschaftlicher Veränderung einzugreifen und den Weg zur Befreiung zu weisen. Tatsächlich hatte bereits Frederic Jameson in seinem Frühwerk „Marxism and Form“ von 1972 den Begriff der Infrastruktur als Gegenbegriff zu dem der Superstruktur verwendet (das ist nicht die klassische Übersetzung von Basis und Überbau!). Infrastruktur beträfe in diesem Sinne nicht bloß die materiellen Verteilungswege im Sinne von Versorgung und Verkehr (Elektrizität, Wasser, Abfall, Internetverbindungen, Lieferketten), sondern immer auch schon die materiellen Grundlagen jeder sozialen und kulturellen Erscheinungsform, also keine rein horizontal-räumliche, sondern eine vertikale und durchaus auch zeitlich-dynamische Dimension. Dies wirft wiederum die Frage auf, wie die Begriffe von Institution und Infrastruktur letztlich in das Basis-Überbau-Schema integrierbar und damit auf die entscheidende Instanz der Marx’schen Revolutionstheorie beziehbar sind.

Das Problem hiermit besteht wiederum darin, dass die Basis bereits aus zwei Teilen besteht – den materiellen Produktivkräften und sozialen Produktionsverhältnissen – und diese gemeinsam erst dem Überbau – den ideologischen Repräsentationen von geistigen Einheiten wie Kunst, Recht, Religion oder Philosophie – gegenüberstehen. Es scheint mir allerdings in der marxistischen Theorietradition nicht vollkommen klar zu sein, wie sich die sozialen Produktionsverhältnisse als Teil der Basis zum kulturellen Überbau im Sinne des „das Sein bestimmt das Bewusstsein“ tatsächlich verhalten. Denn wenn das Sein bereits zweigeteilt ist zwischen dem Materiellen und dem Sozialen, dann stellt sich die Frage, wie sich diese beiden Teile jeweils zum Überbau verhalten können, da zwischen dem Sozialen und dem Kulturellen ja kein ähnlich strikter Gegensatz wie zwischen dem materiellen und dem Ideellen angenommen werden kann. Für einen materiellen Determinismus lässt sich durchaus argumentieren, für einen sozialen ist dies jedoch deutlich schwieriger. Er führt, wie deutlich an Bourdieus Habitus-Begriff zu sehen ist, in die Aporie, dass eine solche Theorie dann ja selbst nicht ausgesagt werden könnte – wir könnten außerhalb unserer sozialen Klasse keinerlei relevante Aussagen mehr treffen. Das heißt, die Produktionsverhältnisse, das Soziale, beinhalten bereits notwendigerweise ideelle Vorstellungen über sich selbst; sie müssen daher wohl eher an der Schnittstelle zwischen Basis und Überbau begriffen werden. Es ist genau diese Schnittstelle, die differierende Grenzlinie zwischen Basis und Überbau, an der sich auch die Begriff von Institution und Infrastruktur überschneiden. Denn Institutionen lassen sich selbst am besten als soziale Infrastrukturen begreifen; sie vermitteln immer schon zwischen dem, was in ihrem weiten Verständnis als Bräuche, Sitten, Riten und Gewohnheiten angelegt ist, und ihrem engen Verständnis als kulturell, religiös oder politisch überformte Strukturen solcher sich wiederholender Verhaltensweisen (ideologische und repressive Staatsapparate, der Staat selbst als Super-Institution, aber auch die habituellen Momente des individuellen Verhaltens). Umgekehrt lässt sich auch der Infrastruktur-Begriff nicht auf rein materielle und außerstaatliche Gegebenheiten beschränken. Er beinhaltet notwendigerweise auch soziale und mentale Dimensionen oder Dispositionen, ansonsten wäre ihm schwerlich ein kritisches Potenzial zuzuschreiben. Es wird also zuallererst darum gehen, die beiden Begriffe in ihren logischen Implikationen voneinander zu unterscheiden, um die jeweilige Potentialität, aber eben auch die Problematik im Sinne politischer Beanspruchbarkeit abschätzen zu können.

Die Leistung des Institutionsbegriffs als eines im Kern empirischen soziologischen Begriffs besteht sicherlich darin, das Moment der Instituierung zu erfassen, das heißt der Etablierung und Implementierung von sozialen Regeln, Normen oder Werten. Damit agiert der Begriff im Spannungsfeld zwischen individuellen Verhaltensweisen und kollektiven Vorgaben; er bezieht sich auf ein höchst dynamisches Geschehen und keineswegs auf statische Entitäten. Deshalb läuft alles, wie die Diskussionen zwischen Adorno und Gehlen in Rundfunk und Fernsehen gezeigt haben, auf eine Dialektik der ermöglichenden und der repressiven Funktionen hinaus. Jeder kritische Diskurs hat an einer solchen Dialektik teil und impliziert daher institutionelle Momente, ansonsten könnte er gar keinen Geltungsanspruch stellen. Christoph Menke hat diesen Ansatz in seiner Frankfurter Abschiedsvorlesung sogar im Sinne eines „Lobs der Institution“ noch einmal zugespitzt – einem Lob, das er im Anschluss an Merleau-Ponty so verstanden haben will, dass sich die Institution überhaupt erst in ihrer Kritik erfülle. Die Kritik und somit die Überschreitung wird hier zum eigentlichen Sinn der Institution als eine permanente Selbst-Überschreitung – nicht einer permanenten Revolution. So sehr ich mich diesem heute mehr denn je notwendigen Lob der Institution anschließen möchte: Diese Ausweitung des Institutionsbegriffs zum Inbegriff sozialer Dynamiken hat ihren Preis. Sie liegt nicht nur gefährlich nahe an der selbstregulativ-autopoietischen Sichtweise auf die Institution, nur eben ausgeweitet ins infrastrukturelle Feld. Sie impliziert darüber hinaus in der Verschmelzung von Institution und Kritik eine reine Positivität.

Der Institutionsbegriff verweist jedoch nicht nur in seiner empirischen, soziologischen Form auf die Schwierigkeit, das Negative zu denken. Das Problem zeigt sich auch in der letztlich transzendentalen Wende, die Menke am Begriff vollzieht, indem er die bei Gehlen noch konservativ verstandene „Transzendenz im Diesseits“ auf ein Zukünftiges und Offenes hin verschiebt. Wenn der Sinn der Institution in der Wiederholung ihrer Einsetzung liegt – und damit in der Abgrenzung von den reinen Bräuchen, Sitten oder Riten –, bleibt das Negative sowohl der Einsetzung als auch der Wiederholung ja gerade auch im Offen-Positiven erhalten. Dieses Negative muss deshalb in seiner doppelten Form adressiert werden. Einerseits betrifft dieses Negative das Nicht-Instituierte, das im Prozess der Instituierung Abgespaltene, Ausgelagerte, Verworfene und Ausgeschlossene. Dieses Ausgeschlossene ist konstitutiv für den Einschluss, denn der Akt der Instituierung vollzieht, auch wenn sich dieser immer wieder öffnet und durchaus das eben Verworfene – allerdings nur teilweise – wieder zu integrieren in der Lage ist.

Dem Nicht-Instituierten steht nun andererseits das Negativ-Instituierte gegenüber, also das, was sich mit den unterschiedlichen Formen, Akten und Prozessen der Instituierung selbst – bei den besten Absichten – notwendigerweise mit instituiert. Denn jede Form der Instituierung als eine Art von Positivierung sozialer Verhältnisse ist begleitet von einem negativen Doppelgänger, der erst die Abgrenzung zum Nicht-Instituierten vornimmt, und daher selbst mit instituiert werden muss – als eine Form von Gewalt oder des Krieges, die im grundsätzlich idealisierten institutionellen Selbstbild allerdings kaum aufscheinen kann. In diesem Selbstbild kommt die Gewalt immer von außen; sie ist nicht Teil der je eigenen Rationalisierung, was man im Liberalismus in aller Deutlichkeit sehen kann. Und diese Formen negativer Instituierung können grundsätzlich nicht überwunden werden, weil sie ja ein notwendiges Substrat der positiven Instituierung darstellen; sie bleiben den idealen normativen Ordnungen ebenso eingeschrieben wie deren transzendentaler Verschiebung ins Offene. Dieses Negativ-Instituierte zu adressieren, stellt also die größte Herausforderung des Institutionsbegriffs dar.

Der Infrastruktur-Begriff ist nun ebenfalls ein im Wesentlichen empirischer Begriff, der jedoch nicht der Soziologie, sondern der Urbanistik und der Medientheorie entstammt. So haben etwa Steve Graham und Simon Marvin in ihrem Buch „Splintering Urbanism. Networked Infrastructures, Technological Mobilities and the Urban Condition“ von 2001 bereits auf die Verschiebung in der Logik urbaner Infrastrukturen von den nationalstaatlich regulierten, ein spezifisches Territorium abdeckendem Raster hin zum neoliberalen, digitalen Netz untersucht, mit kein gesamtes Territorium, sondern bloß bestimmte Knotenpunkte versorgt werden. Daran anschließend konnte Keller Easterling ihren groß angelegten Versuch starten, im Begriff der Infrastruktur spezifisch urbanistische, neoliberale und digitale Produktion Logiken miteinander zu verknüpfen. Sie situiert diese Produktionslogiken im Spannungsfeld von „shiny surfaces“ und „hidden dispositions“, wobei diese nicht mehr zwischen einzelnen Einheiten – Gebäuden, Objekten, Institutionen oder Staaten – vermitteln, sondern selbst zum eigentlich produktiven Einsatz geworden sind. Als aktive, dezentralisierte und deregulierte Formen halten diese Infrastrukturen das moderne Leben am Laufen: in Form von Lieferketten, Finanzströmen, digitalen Plattformen bis hin zu jenen urbanen Sonderzonen rund um den Globus, die dem direkten Einfluss der Staaten weitgehend entzogen sind. Daher nennt sie all diese unterschiedlichen Erscheinungsformen des Infrastrukturellen „Extrastatecraft". Als empirischer Befund ist das sicherlich toll, vor allem, wenn man in Rechnung stellt, dass 2015 das Wiedererstarken des Staates, wie wir es heute erleben, noch nicht absehbar war. Und doch scheint mir die theoretische Rekonstruktion, die sie im Anschluss an Bruno Latours ANT vollzieht, problematisch. Easterlings Buch wird stets dort schwammig, wo sie sich auf eine „Politik der Infrastruktur“ und mögliche subversive Einsätze bezieht. Für sie sind Infrastrukturen Software, die immer wieder von außen „gehackt“ oder sabotiert werden kann. Sie scheinen uns selbst also gar nicht zu betreffen. Und dass seit den Anfängen der digitalen Kultur der Hacker von gestern der Systemadministrator von heute ist, scheint sie ebenso wenig zu beunruhigen wie die eigentümliche Verschränkung von klassischer Ideologiekritik – die mächtigsten Personen bleiben die eigentlichen Akteure von Infrastrukturen, die deren „hidden dispositions“ steuern – mit der ANT, die genau das „Elend“ einer solchen Kritik beheben will. Das macht deutlich, und nur darum soll es hier gehen, dass ohne explizit politischen Kontext die Frage nach einer möglichen Kritik dieses Infrastruktur-Begriffs nicht funktionieren kann. Und dahingehend verstehe ich auch Marinas Einsatz, auch wenn ich ihre Quellen nicht genau benennen kann.

Ein solcher spezifisch politischer Einsatz gehört zum Traditionsbestand der radikalen Linken. Viele Anschläge der 1980er- und 1990er-Jahre betrafen infrastrukturelle Einrichtungen, Ausländerämter etwa mit ihren Karteien oder auch mal ein Gefängnis kurz vor seiner Fertigstellung. Programmatisch wurde dieser Sabotage-Ansatz etwa von post-situationistischen Gruppen in den frühen 2000er-Jahren in Frankreich (Tiquun, Unsichtbares Komitee) aufgenommen und zugespitzt. Doch genau hier zeigt sich auch das fundamentale Problem: dass nämlich diese Infrastrukturen im Wesentlichen seit den 1960er-Jahren genau zu dem Zweck entwickelt wurden, sich gegen mögliche Sabotageakte zu immunisieren. Das berühmte ARPA-Net und die Anfänge des Internets wollten eine Technologie schaffen, die auch einen Atomschlag überleben kann. Das heißt, man kann durch Sabotageakte schon mal eine Weiche außer Gefecht setzen, aber mehr als kurzfristige Unterbrechungen sind mit diesen Mitteln nicht möglich. Das Schlagen einer Bresche in den allgemeinen „Verblendungszusammenhang“ wird so wohl nicht gelingen.

Und dieses Problem scheint sich heute immer weiter zuzuspitzen. In den neueren Technologie-Formen wie Blockchain, Künstliche Intelligenz oder Quanten-Computing scheinen Infrastrukturen selbst zunehmend autopoietisch zu werden. Mit seiner Einwilligung muss hier Ingraban Medicus zitieren, einen meiner brillanten PhD-Studenten. Er versucht, diese Technologien mit den Mitteln der Prozessphilosophie als „operative Infrastrukturen“ zu beschreiben und zwar im folgenden Sinn:

„‚Technologie‘ verweist heute nicht mehr lediglich auf Geräte, Maschinen oder Anwendungen, sondern auf eine operative Struktur, in der das Wirkliche sich selbst zu setzen beginnt. Der Begriff entfaltet seine Formkraft nicht, indem er bestehende Gegenstände beschreibt, sondern indem er jene Differenz generiert, durch die eine neue Realität möglich wird. Die Revolution ist nicht das, was kommt. Sie ist das, was bereits begrifflich in Bewegung gesetzt wurde.“

Er bezieht sich hierbei auf eine weitere, vierte Ebene der Industriellen Revolution, aber ich fürchte, das hat auch Konsequenzen für jede Vorstellung einer politischen Revolution. Es macht nämlich deutlich, dass wir uns die Infrastrukturen nicht aus der sicheren Distanz ansehen, bewerten oder auch bekämpfen können, wie Easterling das nahezulegen scheint, sondern dass wir ganz grundlegend in unseren je eigenen Subjektivierungsweisen davon immer schon betroffen sind. Hier zeigt sich also ein anderes Problem mit der Negativität als im Institutionsbegriff: Negativität wird nicht einfach in Kauf genommen oder selbst mit instituiert; vielmehr wird ihre Aufhebung und Re-Integration immer schon vorweggenommen und damit neutralisiert, bevor sie überhaupt ihre Wirkung entfalten kann.

Wie und wo lässt sich dann noch ein Standpunkt festmachen, von dem aus diese Infrastrukturen kritisierbar wären? Wiederum sollten wir nicht den Kapitalismus und die von ihm mit hervorgebrachten technologischen Seinsweisen im Sinne nahtloser, falscher Totalisierungen verstehen. Sonst würden wir schlicht nicht hier sitzen. Und natürlich wird die die intrinsische Negativität des Kapitals nicht tatsächlich zum Verschwinden gebracht, vielleicht auch nicht mehr im ideologischen Sinn verschleiert, sondern schlicht durch fortwährende Spaltungs- und Segmentierungsprozesse dem konzeptuellen Zugriff entzogen. Genau davon ist auch das kritische Denken selbst betroffen, denn wir bewegen uns zunehmend in stark voneinander abgegrenzten Segmenten. Rein empirisch lässt sich dieser Zustand nur konstatieren, aber kaum herausfordern. Wie wir gesehen haben, können gerade die Begriffe Institution und Infrastruktur in ihrer empirischen Ausrichtung nicht einmal das Problem ihrer eigenen Negativität lösen, was wiederum auch noch die etablierten Formen der Kritik daran mitbetrifft. Wir sollten daher berücksichtigen, dass die Infrastrukturkritik die Fallstricke der Institutionskritik wahrscheinlich nicht einfach überwinden kann, sondern dass sie vielmehr von ihren eigenen Fallstricken heimgesucht zu werden droht, zumindest solange wir Infrastrukturen rein empirisch oder materiell betrachten. Darin liegen zugleich die Stärken und die Schwächen des Infrastruktur-Konzepts. Marina gibt jedoch einen entscheidenden Hinweis, das Problem der Empirie mit dem der Segmentierung zu verknüpfen. Für sie ist Infrastruktur ein „konzeptuelles Diagramm“, also weder eine empirische Entität, noch eine Art einfach zu entschlüsselnder Software-Code dahinter. Verstanden als ein solches konzeptuelles Diagramm, verbinden sich im Infrastruktur-Begriff selbst bereits die unterschiedlichen Ebenen der empirisch-materiellen Realitäten mit dem beschreibenden oder konzeptuellen Zugriff darauf. Infrastruktur wird hier zum methodischen Einsatz, um sowohl diese unterschiedlichen empirischen Facetten als auch deren grundsätzliche Bezogenheit auf ihre transzendentalen Voraussetzungen ebenso wie auf mögliche Ausblicke darüber hinaus zu erfassen. Infrastruktur wird in diesem Sinne zu einem vielfältig vermittelnden Begriff.

Ich möchte nun abschließend versuchen, dieses konzeptuelle Diagramm kurz zu skizzieren. Ich weiß nicht, ob Marina das je getan hat. In meiner Sichtweise würde das jedenfalls in etwa so aussehen: In Analogie zur leicht veränderten Basis-Überbau-Unterscheidung, wie ich sie vorhin dargelegt habe, könnten wir von drei Ebenen ausgehen: den mentalen, den sozialen und den materialen oder technologischen Infrastrukturen. Diese haben drei entsprechende Kritikformen ausgebildet: Ideologiekritik, Institutionskritik und Technologie- oder eben Infrastruktur-Kritik. Die Frage wird also sein, wie sich diese drei Ebenen aufeinander beziehen lassen, und ob sich von hier aus auch die drei Kritikformen zu einer einzigen synthetisieren lassen. Ich muss zugeben, dass ich hier skeptisch bleibe. Denn mentale, soziale und technologische Infrastrukturen greifen heute nicht nur in einem bislang unvorstellbaren Maße ineinander; in ihrem dynamischen Impuls prägen sie auch den Vorgriff auf die Zukunft und damit unsere je eigenen Positionierungen immer schon mit. Vor diesem Hintergrund erscheint die Idee einer einheitlichen Form der Kritik äußerst dringlich zu ein, zugleich aber auch ziemlich unwahrscheinlich, da jede Vorstellung von Kritik bereits Teil jener mentalen Infrastrukturen ist, die sie eigentlich kritisieren müsste, und zugleich Teil jener segmentierten sozialen Infrastrukturen, aus denen heraus sie nur agieren kann.

Solange daher eine solche einigende Kritik auf Basis der neuen infrastrukturellen Gegebenheiten nicht gefunden werden kann – und ich halte dies für strukturell kaum möglich –, bleibt auch das Verhältnis zwischen den unterschiedlichen Kritikformen konflikthaft, je nachdem, welche Kritikform wir in der Vordergrund stellen, und wie wir damit die anderen beiden ableiten wollen. Hinzu kommt: Wenn Kritik allein auf Grund der mangelnden Selbst-Transparenz nicht bereits die Antwort sein kann, so kann dies nur heißen, dass jede Form von Kritik an bestimmten Formen von Praxis ausgerichtet sein muss. Wiederum kann dies nicht die eine revolutionäre Praxis sein, die sich unmittelbar der einzig richtigen Kritik ergäbe, sondern nur um in sich differente Formen von Praxis, etwa als künstlerische, politische oder philosophische.

In Bezug auf künstlerische Praktiken hatte Marina vorgeschlagen, den Kanon der institutionskritischen Künstler\*innen (Haacke, Asher, Broodthaers, Rosler, Lawler, Fraser etc.) deutlich in Richtung hin auf kunstaktivistische Ansätze zu erweitern und damit auch Gruppen wie die Art Workers Coalition und Tucuman Arde aus den 1960er- und 1970er-Jahren bis hin zur Gulf Labor Coalition aus den 2010er-Jahren zu integrieren. Ich stimme dem zu. Die Auseinandersetzungen, die Andrea und ich innerhalb des „Services“-Projekts (1994) hatten, gingen bereits in diese Richtung. Darüber hinaus würde ich jedoch vorschlagen, den Kanon gewissermaßen auch in die andere Richtung zu erweitern, hin zu nicht-kritischen, im Wesentlichen formalistischen Praktiken. Wenn wir den Formalismus nicht einfach als ein ausschließlich selbstbezogenes, ästhetizistisches Phänomen verstehen, sondern im Sinne der russischen Formalisten als ein Set an operationalen Verfahren, das helfen kann, nicht nur die Dogmatisierungen des politischen Diskurses zu vermeiden – das war je der Einsatz von Sklowskys Entfremdungsbegriffs –, sondern auch die Grenzen der sozialen, mentalen und medialen Segmentierungen der Felder noch zu bearbeiten und zu reflektieren, dann ergibt sich ein anderes Bild. Formalismus wird dann zu einem notwendigen, progressiven Einsatz, der letztlich nur im Wechselspiel von künstlerischen und kunstkritischen Engagements zu erfassen ist. Ein solches kunstkritisches Engagement scheinen mir auch die kunstaktivistischen Praktiken notwendig zu haben, die im Projekt ihre eigene, infrastrukturelle Werkform gefunden haben. Projekte und große Projektausstellungen sind also nicht nur inhaltlich zu diskutieren, sondern auch bezüglich ihrer spezifischen Form. Aber das wäre mein eigenes Projekt.

In Bezug auf politische Praxis ließe sich zumindest konstatieren, dass sie auf das bezogen werden muss, was man den Marx’schen kategorischen Imperativ nennen könnte. Ich meine jene zwar nicht moralische, sondern politische, aber doch ebenso kategoriale wie imperative Stelle, die sich am Ende des zweiten Teils des Kommunistischen Manifests findet, wo es heißt, dass „an die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen eine Assoziation tritt, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für freie Entwicklung aller ist“. Diese Bedingung sehe ich heute leider in kaum einem der vielfältigen politischen Kämpfe erfüllt. Stets geht es um – zugegeben wichtige – partikulare Perspektiven. Vielleicht liegt es auch an meinem eigenen, partikular beschränkten Blick, dass ich in dieser Hinsicht kaum etwas erkennen kann. Und doch muss man sich vergegenwärtigen, dass das Proletariat nie einfach nur die empirische Masse der in den Fabriken ausgebeuteten Arbeiter ist, sondern immer auch ein Statthalter des Universellen, der Klasse, die keine Klassen mehr kennt. Es geht hier also ein Riss durch das Politische selbst, das mithin nicht in empirischen Kämpfen alleine aufgehen kann. Franz Fanon hatte das darin spürbare Paradox in einem vielzitierten Satz dahingehend zugespitzt, dass es nicht nur um die eigene Befreiung, sondern auch um die Befreiung des Fremdenlegionärs gehen muss. Das setzt meiner Meinung nach voraus, das Denken der je eigenen Negativität noch in das politische Denken und die politische Praxis als Fluchtpunkt des Universellen mit einzubeziehen.

Als philosophische Praxis können wir wiederum nicht das Wiederholen diskursiver Muster begreifen, sondern bloß das Setzen von Begriffen und die Arbeit oder das Abarbeiten daran. Und die Frage, wie damit das eben skizzierte politische Problem auch philosophisch zu erfassen wäre, stellt sich dann im Spannungsfeld zwischen transzendentalphilosophischer und spekulativer Positionierung, in dem sich Marina bewegt hat. Zumeist hat sie sich wohl spekulativen Seite zugeneigt und mithin der Auffassung, dass das Problem der je eigenen Negativität durch eine Art von Sprung, einen mutigen spekulativen Satz etwa, überwunden werden kann. Es finden sich jedoch auch Ansätze, den Infrastruktur-Begriff im Spannungsfeld von Empirischen und Transzendentalem zu verorten. Das Negative wäre hier notwendiger Teil dieser Spannung; es bestimmt gerade in den Abgrenzungsakten voneinander die Möglichkeiten der Empirie ebenso wie die des Transzendentalen und kann deshalb nicht spekulativ überwunden werden. Vielmehr muss dieses Negative an diesen seinen Grenzen expliziert werden, ansonsten es sich als unheimlicher Doppelgänger in unsere Bemühungen und guten Absichten einschriebe. Es bleibt mithin notwendigerweise an Formen von Kritik und Praxis bezogen und muss aus diesen heraus adressiert werden, wobei es diese selbst immer wieder in ihrem Selbstverständnis herausfordert. Das heißt, die Differenz zwischen dem Empirischen und dem Transzendentalen ist nicht einfach eine transitive Dimension unter vielen; sie ist aber auch kein einziger logischer Widerspruch, der durch einen spekulativen Sprung überwunden werden könnte. Diese Differenz in ihrer gleichermaßen ermöglichenden wie begrenzenden Bedingtheit zu verstehen, darüber hätte ich sehr gerne mit Marina diskutiert.

Vortrag gehalten auf der Konferenz „What is Infrastructural Critique? A conference in celebration of the life and work of Marina Vishmidt”, 30\. Oktober 2025 an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.  
  
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From Maria Bussmann's take a virtual tour: thoughts and images for Marina

*Helmut Draxler ist ein österreichischer Kunsthistoriker, Kunsttheoretiker und Kurator.*