Das Brücke-Museum Berlin ist Museum des Jahres 2023. Das entschied der Kunstkritiker*innenverband AICA Deutschland auf seiner Jahresversammlung in Frankfurt am Main. Außerdem kürten die Kunstkritiker*innen die Ausstellung "Re-Connect. Kunst und Kampf im Bruderland" des Museums der bildenden Künste Leipzig als Ausstellung des Jahres 2023 sowie "Amt 45 i" von Cameron Rowland am Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main als Besondere Ausstellung des Jahres 2023.

Das kleine Brücke-Museum mit seiner Expressionismus-Sammlung am Rand des Berliner Grunewalds hat unter der Leitung von Lisa Marei Schmidt seit 2017 wegweisende Modelle einer kriti schen Befragung der eigenen Geschichte und Sammlung entwickelt und sich als lebendiger Treffpunkt in der Kulturszene der Hauptstadt etabliert. "Lisa Marei Schmidt hat das Brücke Museum und seine Sammlung von Grund auf neu gedacht!", so AICA-Juror Eckhart Gillen in der Begründung. Die Künstler der "Brücke" würden kritisch kontextualisiert, vor dem Hintergrund sowohl der Kolonialgeschichte des Deutschen Kaiserreiches als auch des Nationalsozialismus. In Zusammenarbeit mit Universitäten werden Provenienzforschung und die Digitalisierung der Bestände vorangetrieben. Zugleich positioniert sich das Haus mit avancierten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, zuletzt mit Stoffbildern der polnischen Roma-Künstlerin Małgorzata Mir-gatas. Bereits 2020 wählte die AICA „Vivian Suter. Bonzo’s Dream“ zur Besonderen Ausstellung.

Ausstellung des Jahres 2023 ist „Re-Connect. Kunst und Kampf im Bruderland! im Museum der bildenden Künste Leipzig, kuratiert von Sithara Weeratunga und Marcus Andrew Hurttig. "Die erste große Betrachtung der Einwanderungsgeschichte der DDR und ihrer Folgen war eine intensive, diskursfreudige und emotional berührende Aufarbeitung der internationalen (Kunst-)Beziehungen der DDR", so AICA-Jurorin Sarah Alberti. Besonders beeindruckte die Kunstkritiker*innen die Vielstimmigkeit der gezeigten Werke und Dokumente, wie auch der heutigen Perspektiven. Kunst in ternationaler Studierender der DDR war ergänzt durch Werke junger Künstler*innen mit postmigrantischen Bezügen zur DDR. Ein "Archiv der Erinnerung und Zukunft" thematisierte in Interviews den tabuisierten Rassismus in der DDR sowie die Lebensverhältnisse der Vertragsarbeitenden, der ausländischen Studierenden und ihrer Nachfahr*innen. Das Veranstaltungs- und Vermittlungsprogramm wurde gemeinsam mit migrantischen und postmigrantischen Vereinen entwickelt.

Besondere Ausstellung des Jahres 2023 ist „Amt 45 i“ von Cameron Rowland im Museum für Moderne Kunst (MMK) in Frankfurt am Main, kuratiert von Susanne Pfeffer (Assistenz Lukas Flygare). Aus Recherchen historischer Verstrickungen von Frankfurter Finanzinstituten in den transat lantischen Sklavenhandel entwickelte Cameron Rowland (*1988, Philadelphia) eine intellektuell stimulierende, radikal zugespitzte Präsentation. So nahm etwa ein zwischen zwei Wänden gespanntes Seil auf jene Fallen Bezug, mit denen Sklav*innen die Pferde von Plantagen-Aufsehern zu Fall brachten. Geöffnete Flurtüren führten zu Firmenräumen, die an die Ausstellungsräume des MMK im TaunusTurm angrenzen. Unter den wenigen sichtbaren Exponaten war ein Vertrag, laut dem eine von Rowland gegründete Firma dem Museum einen Kredit über 20.000 Euro zum gesetzlich zulässigen Höchstsatz einräumt. „Wer hier fragte, warum es nichts Schönes zu sehen gab, den fragte die Kunst zurück, wie genau solche Schönheit erkauft werden müsste“, so AICA Juror Gregor Quack. "In einem Jahr, in dem es in Deutschland salonfähig wurde, Rassismus und Antisemitismus als ‚importierte‘ Phänomene zu beschreiben, frischte ‚Amt 45 i‘ das in den letzten Jahren zu oft vernachlässigte Analysebesteck der Institutionskritik auf und zeigte eine Fähigkeit zur Selbstkritik, die in dieser Weise rar zu werden scheint."



Die Preisverleihungen finden im Sommer 2024 im Berliner Brücke-Museum statt. Mehr zu den Auszeichnungen der AICA


Wie entstehen die Auszeichnungen?

Für das Museum des Jahres stellen drei Mitglieder der AICA der Mitgliederversammlung drei No minierungen zur Diskussion und Wahl. Der Jury gehörten an: Beatrice von Bismarck, Eckhart Gil len und Mona Schieren.

Für die Ausstellung des Jahres schlägt eine Jury mehrere Nominierungen der Mitgliederversamm lung zur Diskussion und Wahl vor. Die Jury bestand aus den AICA-Mitgliedern Sarah Alberti, Elke Buhr, Ursula Grünenwald, Ulrike Lehmann und Carsten Probst.

Die Besondere Ausstellung wird von eine*r Einzeljuror*in bestimmt. In diesem Jahr war dies AICA Mitglied Gregor Quack.

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Bildnachweis

Museum des Jahres: Brücke-Museum (1) Ausstellungsansicht How to Brücke-Museum: Ein Blick hinter die Kulissen, 2022/23, Brücke-Museum, Foto: Nick Ash (2) Brücke-Museum, Außenansicht, 2022, Foto: Cee Cee Berlin

Ausstellung des Jahres: Re-Connect: Kunst und Kampf im Bruderland | 18.05.–10.09.2023
Kurator*innen MdbK: Sithara Weeratunga, Marcus Andrew Hurttig, Olga Vostretsova, Carolin Rothmund. Ausstellungsansichten von (3) Alina Simmelbauer, (4) Mahmoud Dabdoub

Copyright der Künstler*innen. Alle Fotos: Alexander Schmidt/PUNCTUM

Besondere Ausstellung des Jahres: Cameron Rowland, "Amt 45 i" | 11.02.— 15.10.2023 Kuratorin: Susanne Pfeffer. (5) Installationsansicht "Amt 45 i" im Tower MMK. Foto: Cameron Rowland, 2023 © Cameron Rowland, 2023 (6) Haus zur Goldenen Waage 2018, 2023. Postkarten, 5 Euro pro Stück.

Das Haus zur Goldenen Waage wurde 1619 als koloniales Gewürzhandelsgeschäft errichtet. Im Zweiten Weltkrieg wurde es 1944 zerstört. Zwischen 2004 und 2018 ließ die Stadt Frankfurt am Main eine Reihe von Gebäuden aus der Zeit des Mittelalters und der Renaissance, die einst das Zentrum der Stadt bildeten, wiederaufbauen. Dieses Rekonstruktionsvorhaben ist als Neue Altstadt bekannt. 2018 wurde das Haus zur Goldenen Waage wiedereröffnet. Es dient jetzt als Café und Tourist*innenattraktion. Das wiedererrichtete Haus zur Goldenen Waage ist ein Monument der europäischen Kolonialherrschaft.

Foto: Cameron Rowland, 2023 © Cameron Rowland, 2023





 

Die rund 220 in der deutschen AICA-Sektion zusammengeschlossenen Autor*innen, Kritiker*innen,  Journalist*innen und Publizist*innen vergeben jedes Jahr die Auszeichnungen „Museum des  Jahres“, „Ausstellung des Jahres“ und „Besondere Ausstellung“. AICA Deutschland organisiert  regelmäßig Veranstaltungen und Kongresse zu Fragen der Kunstkritik und meldet sich in  kulturpolitischen Debatten zu Wort. In der 1948 gegründeten Internationalen AICA, die von der  UNESCO als Nicht-Regierungsorganisation (NGO) anerkannt ist, sind heute weltweit 5.000  Mitglieder aus 95 Ländern organisiert.

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